Vom 14. Jh. bis zum 18. Jh. war Mallorca immer Ziel und Opfer von Piratenüberfällen, die mit unvorstellbarer Härte die Siedlungen in Küstennähe plünderten und brandschatzten und sowohl Menschen als auch Tiere töteten, raubten oder entführten - meist zunächst nach Algier, um sie gegen Lösegeld (vielleicht) wieder freizugeben oder an dortige Sklavenhändler zu verkaufen. Die meist aus Nordafrika stammenden Angreifer hinterließen eine so nachhaltige Spur des Grauens und Schreckens, dass die Bewohner der Insel Mallorca nicht nur ihre Küstensiedlungen mit dicken Mauern umgaben, sondern auch eine Art Frühwarnsystem zu installieren versuchten.
Hierzu wurden hoch über der Küste Wachtürme, von den Mallorquinern talaies (Einzahl: talai) genannt, gebaut. Das Besondere an den runden, massiven Steinkonstruktionen war, dass die jeweils benachbarten Türme in Sichtkontakt zueinander errichtet wurden. Die Wachtürme waren rund um die Uhr mit jeweils zwei bis drei, von den Gemeinden bezahlten Personen besetzt, deren Aufgabe es war, Piratenschiffe auf dem Meer frühzeitig auszumachen und die Bevölkerung zu warnen. Sichtete die Besatzung eines Turmes ein Piratenschiff, entzündeten sie tagsüber Rauchzeichen und in der Nacht ein Feuer. Der benachbarte Turm griff dieses Signal auf und gab es weiter. Auf diese Weise dauerte es nicht mehr als zwei Stunden, bis von dem am weitesten entfernten Punkt der Insel die Warnung in der “Zentrale” der Verteidigungstürme, dem Torre de Angel (”Engelsturm”) in Palma, eintraf. Von hier aus waren die Dorfbewohner auf sich selbst gestellt. Aber ihre frühzeitige Warnung gab ihnen zumindest Gelegenheit in das Hinterland zu fliehen und dort auf die Hilfe zu warten. Ende des 19. Jh.s hatten die mittlerweile funktionslosen Wachtürme endgültig ausgedient. Sie wurden aufgegeben und teilten das damalige Schicksal aller nicht mehr benutzten oder gebrauchten Gebäude: Sie dienten als Reservoir für Baumaterial neuer Gebäude. Binnen kurzer Zeit verschwanden dreißig von ihnen völlig. Das einzige auf Mallorca noch erhaltene Ensemble von drei Wachtürmen mit Sichtverbindung steht im Bergland von Artà, am Cap Ferrutx.
